Gedichte zur Stimmungslage

Lieblingsgedichte? Gibt es bei mir nicht. Nur Momente, in denen mich beim flüchtigen Durchblättern eines Bändchens ein Text "anspringt", festhält. Dieser Moment kann kurz sein, oder anhalten - je nach Stimmungslage...

Peter Rühmkorf: Wie kommt's

Wie kommt's? Auf einmal wieder frei die enge Brust,
der Kopf
nicht mehr so zugebolzt.
Daß du vor lauter Lebenslust
nicht weißt, in welchen Farbentopf
du greifen sollst.

Das ist die Welt, wie sie geschrieben steht,
sieh hin uns lies!
Nicht daß dir erst im Grab ein Licht aufgeht,
daß wir nicht hoch genug
gehalten haben dies.

Philosophie der Angst?
Ein ziemlich leicht gedroschnes Stroh,
und bei Bedarf kein goldenes Korn zu fassen.
Furcht schärft das Auge nicht,
es denkt nur so
und muß sich von Lemuren narren lassen.

Nur manchmal lichtet sich so eine Art von Loch:
Das Seiende wird der Verborgenheit entrissen;
doch schon bei Zu-Ruf
zeigt es sich unnahbar.
Wir, rein formal, ein bißchen gängiger im Joch,
stehen nicht an, uns bis zum Beinhaus durchzuküssen,
und noch der Baumstumpf
bis zum letzten Jahr bejahbar.

Du fühlst dich morsch? Das teilst du mit dem Zunder.
Verbraucht? Erinner dich, wie du begannst.
Auch sie dir Rilke an - ein Nervenwunder -
was du mal so, mal so verstehen kannst.
Was im Gedicht die scharfen Stellen macht,
alles
von einem wunden Punkte aus gedacht.

Dies nur als Schlußwort so für alle Zeiten.
Für alle?
Nun, die fetten sind vorbei.
Was ferner sich ergibt in unsern schmalen Breiten
ist das Bewußtsein ewiger Wiederkäu.
Was bleibt? Wer weiß. Vielleicht ein allerletzter Pfiff:
den Saum der Welt noch etwas nachzuschrägen,
wenn Ihr so wollt, Wollust mit Wellenschliff:
So kommt die Kunst - auf Zeit - der Ewigkeit entgegen.

"Femmage"
"Taumelnd"